Explicit SPÄR  - Podcasthon 2026: ADHS Deutschland e.V. – Hilfe zur Selbsthilfe | Teil 1
S01:E12

SPÄR - Podcasthon 2026: ADHS Deutschland e.V. – Hilfe zur Selbsthilfe | Teil 1

Episode description

In dieser Sonderfolge zum Podcasthon 2026 sprechen wir mit Dr. Johannes Streif vom ADHS Deutschland e.V. über die Arbeit des Vereins und über das, was Menschen mit ADHS und ihre Angehörigen im Alltag wirklich bewegt.

Es geht um die Frage, was der ADHS Deutschland e.V. konkret macht, warum „Hilfe zur Selbsthilfe“ dort so zentral ist und weshalb Selbsthilfegruppen für viele ein wichtiger erster Anlaufpunkt sein können – auch dann, wenn noch gar keine offizielle Diagnose vorliegt.

Außerdem sprechen wir über:

den oft schwierigen Weg zur ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter,
hartnäckige Vorurteile und Missverständnisse,
die Frage, warum ADHS lange unterschätzt wurde,
und darüber, wo Betroffene und Angehörige heute noch immer an Grenzen stoßen.

Eine ehrliche, informative und stellenweise auch sehr persönliche Folge über Aufklärung, Unterstützung und die Realität hinter dem Begriff ADHS.

Das ist Teil 1 unseres Gesprächs. Teil 2 erscheint bereits am 21.03.2026 – also nicht erst eine Woche später, sondern schon am kommenden Samstag.

Links zum Podcasthon:
Website | Instagram

Links zum ADHS Deutschland e.V.:
Website | Instagram | Facebook

Download transcript (.vtt)
0:00

Sonderfolge bei Spär zum Podcastton 2026.

0:08

Zu Gast ist Dr. Johannes Streif vom ADHS Deutschland e.V.

0:14

Im Mittelpunkt dieser Folge steht der ADHS Deutschland e.V.,

0:18

seine Aufgaben, seine Angebote und die wichtige Unterstützung,

0:23

die der Verein für Betroffene und Angehörige leistet.

0:27

Wir wünschen euch viel Freude beim Hören.

0:30

Das Gespräch mit Johannes war für uns wunderbar,

0:33

informativ und menschlich einfach richtig schön.

0:37

Los geht's mit Teil 1.

0:41

Hallo Sascha.

0:42

Hallo Pierre.

0:44

Wir haben wieder was Besonderes heute.

0:46

Stimmt.

0:47

Wir haben wieder einen Gast zugeschaltet.

0:49

Das ist richtig.

0:50

Heute ist unsere Podcasthon-Folge.

0:53

Unsere Podcasthon-Folge.

0:55

Wir haben uns einem Thema verschrieben.

0:57

Das ist korrekt.

0:58

Der ADHS.

1:00

ADHS Deutschland e.V.

1:01

Richtig.

1:02

Und dazu haben wir uns eingeladen.

1:04

Und der ist sogar, erschienen, remote.

1:07

Ein zweites Mal, muss man ehrlich sagen.

1:09

Ein zweites Mal, nachdem es schon einmal in die Binsen gegangen ist.

1:13

An technischen und physchischen Problemen haben wir ja gerade festgelegt.

1:16

Wir haben zu Gast den Dr. Johannes Streif von der ADHS Deutschland e.V.

1:22

Hallo Johannes.

1:23

Hallo Sascha.

1:23

Hallo Pierre.

1:24

Schön, dass ich da sein darf.

1:26

Gerne.

1:26

Schön, dass du nochmal dabei bist.

1:30

Ach, als ADHS-Betroffener weiß man doch, dass man tolerant sein muss.

1:35

Gegenüber Wiederholungen, Unwägbarkeiten, allem, was zum Leben dazugehört und was schiefgehen kann.

1:40

Das stimmt.

1:41

Wir sind ja auch bei Sascha gewohnt, dass es nicht immer alles so glatt geht, wie man das plant.

1:46

Johannes, magst du dich nochmal vorstellen?

1:52

Wer bist du, was tust du und warum tust du es?

1:56

Ja, gerne.

1:57

Also, ich bin von Beruf Psychologe.

1:59

Ich habe allerdings auch Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert.

2:04

Ich habe über viele Jahre als Gerichtssachverständiger für das Familiengericht gearbeitet.

2:10

Bin gerade dabei, mich ein bisschen zu verändern.

2:12

Aber insbesondere bin ich seit 15 Jahren zweiter Vorsitzender des ADHS Deutschland e.V., der größten deutschsprachigen Vereinigung für Selbsthilfe für ADHS-Betroffene und ihre Angehörigen.

2:24

Und in diesem Verein und im Vorstand bin ich seit vielen Jahren für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

2:29

Das heißt,

2:29

ganz viele Anfragen zur ADHS gehen erstmal über meinen Schreibtisch.

2:33

Nicht immer mache ich das selbst.

2:34

Es macht auch nicht immer Sinn und Spaß.

2:36

Aber heute freue ich mich, bei euch zu sein.

2:40

Vielleicht mal in kurzen Sätzen für die Leute, die es noch gar nicht kennen.

2:44

Was ist denn der ADHS Deutschland e.V.?

2:49

Also wir sind, wie ich vorhin schon sagte, ein großer Selbsthilfeverein, der in ganz Deutschland vertreten ist.

2:54

Wir sind entstanden aus drei Vorläufervereinen, die auch schon damals in der Bundesrepublik,

2:59

schon landesweit tätig waren, haben ungefähr 200 Selbsthilfegruppen, die in Präsenz stattfinden, haben mittlerweile auch einige Online-Selbsthilfegruppen.

3:10

Darüber hinaus haben wir ein großes Internetangebot an Informationen über die ADHS, machen Veranstaltungen oder sind beteiligt an Veranstaltungen zur Information über die ADHS und haben eine eigene Fachzeitschrift, die wir herausgeben, die neue Akzente zum Thema ADHS betreiben.

3:29

Da ist eine Hotline, also eine Telefonleitung, wo man sich über die ADHS informieren kann.

3:38

Wie heißt eure Fachzeitschrift?

3:39

Allgemein über die ADHS zu informieren, wo und wie es geht.

3:43

Neue Akzente.

3:43

Neue Akzente, achso.

3:44

Okay, das habe ich jetzt in einem anderen Zusammenhang.

3:46

Ja, neue Akzente.

3:47

Das ist einfach, weil eine Vorgängerzeitschrift schon Akzente hieß.

3:51

Also in dem Verband, in dem ich vorher war, das war der Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung und Hyper Aktivität.

3:55

Wir hatten Jahrbücher rausgegeben, das war auch immer sehr schön und auch relativ aufwendig.

3:59

ein anderer Verband, der dann in uns aufgegangen ist, der hatte eben eine Zeitschrift, die Akzente hieß.

4:05

Und dann haben wir sie eben, als wir dann den Teil weitergeführt hatten, neue Akzente genannt.

4:10

Oh gut, alles neue.

4:12

Zumindest den Worten nach.

4:16

Euer Slogan ist Hilfe zur Selbsthilfe. Warum ist dieser Slogan so zentral?

4:21

Du sprachst ja auch schon von Selbsthilfegruppen.

4:24

Weil wir der festen Überzeugung sind, dass eine neurophysiologische Disposition wie die ADHS,

4:30

und ich denke, da kommen wir im Verlauf noch dazu, ein bisschen drüber zu reden, was die ADHS ist,

4:36

einfach eine lebensbestimmende Kondition ist.

4:40

Und da macht es wenig Sinn, immer nur zu schauen, wo man Hilfe von außen bekommt,

4:45

sondern es macht viel mehr Sinn, dass man mit Hilfe von anderen zu bekommen,

4:49

und da sind natürlich auch Leute, die selber an ADHS leiden, die Erfahrungen damit haben,

4:52

die vielleicht auch für ihre Probleme gute Lösungen geben.

4:54

Und die dann auch eine gute Lösung gefunden haben, ein wunderbares Vorbild,

4:56

also mit Hilfe von anderen dann zu schauen, dass man sein eigenes Leben in den Griff bekommt.

5:01

Und deswegen ist es Hilfe zur Selbsthilfe.

5:04

Wenn jemand gerade erst mit dem Thema ADHS konfrontiert ist, wie würdest du empfehlen, sollte er vorgehen?

5:14

Naja, wer beispielsweise die Diagnose selbst erhalten hat oder für einen Angehörigen,

5:21

also Eltern natürlich für ein Kind erhalten haben,

5:24

die sich vorher schon zum Thema ADHS informiert haben, was wahrscheinlich sehr viele getan haben,

5:28

sonst wären sie nicht an der Stelle, wo schon eine Diagnose gestellt wurde.

5:31

Aber wer sich allgemein für ADHS interessiert, sollte sich an Quellen wetten.

5:36

Heute ist es innen natürlich der erste Zugang, die über die ADHS informieren

5:40

und dann natürlich vorzugsweise an Stellen, die sinnvolle Informationen zur ADHS verbreiten.

5:46

Das ist natürlich neben irgendwelchen Universitäten oder Gesundheitsportalen auch Seiten,

5:51

beispielsweise der Selbsthilfe, also wie ich vorhin schon sagte,

5:54

wir betreiben eine umfangreiche Internetseite, in der wir viele Informationen auch für Nichtmitglieder

6:00

öffentlich zur Verfügung stellen zur ADHS, zu Begleitproblematiken, zu allem, was das Leben mit ADHS betrifft.

6:07

Ja, also ich habe immer mal wieder, wo wir gerade mal die Diagnostik ganz kurz angesprochen hatten,

6:12

ich habe immer mal wieder gehört von Menschen und hatte auch Kommentare bei TikTok.

6:17

Da hat Naddel zum Beispiel geschrieben, ich finde es total schwierig, als Erwachsener eine Diagnose zu bekommen.

6:24

Ja, ich glaube, es gibt, kann man sagen, wie die Menschen an Diagnosen kommen.

6:29

Also ich habe es ja nun auch vor 15 Jahren, glaube ich, jetzt knapp.

6:36

Ich musste damals noch von meinem Wohnort aus nach Göttingen, das sind gute 90 Kilometer.

6:42

Ich glaube, die, die nach mir diagnostiziert wurden, hatten das schon deutlich einfacher.

6:50

Aber ich glaube, das, also ich denke, man braucht einen langen Atem.

6:54

Ich glaube, das ist eine gute Art, wenn man es vermutet, weil wir ja wissen, Termine kriegt man so schnell nicht.

6:58

Also erstmal braucht man ja Psychologen, Psychiater oder wie auch immer.

7:03

Was würdest du diesen Leuten raten, wie sie da vorkommen?

7:07

Und ich glaube, auf der Homepage habt ihr da, glaube ich, auch Hinweise für, ne?

7:12

Ja, also wir machen natürlich keine Werbung jetzt für bestimmte Personen oder Stellen,

7:16

wo man sich diagnostizieren lassen kann.

7:18

Aber grundsätzlich sind jetzt im Erwachsenenalter dann,

7:24

Fachärzte für Psychiatrie und Neurologie die primären Ansprechpartner,

7:29

um eine Diagnose der ADHS dann zu erhalten.

7:33

Oder es ist ja nicht so, dass man einen Arzt aufsuchen sollte,

7:38

sonst bräuchte man den wahrscheinlich nicht, indem man ihm sagt, ich weiß schon, was ich habe.

7:42

Ich hätte nur noch gern das Papier dazu.

7:44

Aber dass man sich eben, falls man den Verdacht hat, das könnte vielleicht ein Problem sein,

7:48

bei einem selbst oder bei einem Kind, sich das Kind vorstellt bei einem Facharzt,

7:54

der sich damit auskennt und der dann eben im Zweifelsfall bestätigt,

7:57

dass es tatsächlich diese Diagnose gibt.

7:59

Jetzt ist es natürlich so, wie du schon gesagt hast, es gibt wahnsinnig viele Anfragen,

8:03

viel Bedarf und viel weniger Kapazitäten und das dauert manchmal auch relativ lang.

8:08

Vor allem wird man auch nicht immer in der unmittelbaren Umgebung jetzt eine Stelle finden,

8:12

die tatsächlich da eine qualifizierte Diagnostik macht.

8:15

Ein Tipp auch in dem Bereich ist tatsächlich Selbsthilfegruppen,

8:19

wie wir sie im ADHS Deutschland haben, die eben in Präsenz arbeiten

8:23

und lokal vernetzt sind, aufzusuchen und mit den Menschen dort zu sprechen.

8:27

Sag mal, wo wart ihr denn eigentlich, als ihr eure Diagnose gestellt bekam?

8:32

Denn es ist bei uns jetzt keine Voraussetzung, dass man schon diagnostiziert ist,

8:36

wenn man eine Gruppe besuchen will, sondern die steht kostenfrei jedem zur Verfügung,

8:40

der sich mit dem Thema auseinandersetzen will.

8:42

Ansonsten hilft natürlich immer eine Anfrage bei nahegelegenen Kliniken, ob die sowas anbieten.

8:50

Man kann sowohl über die Kassenärztliche Vereinigung,

8:52

als auch auf anderem Wege nach Fachärzten suchen und dann dort anfragen,

8:58

wie es mit Kapazitäten aussieht.

9:00

Und man kann natürlich auch schauen, wenn man jetzt näher an der Universitätsstadt wohnt,

9:06

dass dort natürlich fachlich, wissenschaftlich oft die besseren Einrichtungen,

9:11

auch Ambulanzen bestehen, wo man sich diagnostizieren lassen kann.

9:16

Ja, ich hatte das gerade durch mit den Kapazitäten, weil ich meinen Psychiater wechseln musste.

9:22

Schwierig.

9:22

Es war sehr, sehr schwierig.

9:24

Es war sehr schwierig.

9:25

Es klappte nur noch mit Glück, weil ich wohl, es war so eine Gemeinschaftspraxis mit einem Hausarzt

9:29

und irgendwann, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann, war ich wohl schon mal bei diesem Hausarzt

9:34

und war deswegen schon in den Akten.

9:38

Hervorragend.

9:39

Es war mehr Zufall.

9:40

Glück muss man haben.

9:41

Ja.

9:41

Selbst wenn man sich nicht mehr daran erinnert, dass man da schon mal war.

9:44

Genau.

9:45

Also da muss man einfach lang atmen und ich gebe zu, gerade das frustrierte sehr.

9:49

Und ich bin ein Mensch.

9:52

Um ganz kurz abzuschweifen nur, ich bin ein Mensch, der

9:55

Kennen wir auch gar nicht von dir.

9:57

Ich bin ein Mensch, der sich zur Not Hilfe schafft.

10:04

Also ich hatte das dann auch, dass immer alle gesagt haben, wir nehmen keine mehr auf, wir nehmen keine mehr auf.

10:08

Und dann habe ich bei einer psychologischen Institutsambulanz angerufen und die haben mir gesagt,

10:12

ja, also waren sie schon mal bei uns in der Klinik?

10:15

Ich sage, nee, ja, dann sind wir nicht zuständig.

10:18

Daraus habe ich geschlossen, dass ich im Zweifel,

10:21

äh,

10:21

es wieder so stark verschlimmert psychisch, zumindest mündlich,

10:26

dass ich kurz in die Klinik gehe und danach in die,

10:30

das wäre mein Notfallplan gewesen.

10:32

Der wäre natürlich blöd, weil ich irgendwie Plätze verbelege,

10:36

aber irgendwie muss man ja weiterkommen.

10:39

Ich hätte ja aus diesem Prinzip eher geschlossen beim nächsten Mal,

10:42

wenn man gefragt hätte, waren sie schon bei uns, zu sagen, ja, natürlich war ich schon bei Ihnen.

10:46

Und wenn die dann sagen, ich habe in den Unterlagen nichts gefunden,

10:49

dann würde ich sagen, ich weiß nicht,

10:51

woran das liegt.

10:52

Ich weiß ganz sicher, dass ich schon da war.

10:53

Vielleicht hatte die frühere Mitarbeiterin, bei der ich war,

10:56

ADHS oder die Unterlagen,

10:58

sind verschwunden, aber sie können mir glauben, ganz sicher,

11:02

ich war schon da.

11:03

Sehr gut, sehr gut.

11:05

Aber umso wichtiger finde ich ja deinen Tipp, dass du sagst,

11:08

dass man, um bei euch an den Selbsthilfegruppen,

11:11

ob jetzt in Präsenz oder online teilzunehmen,

11:14

man muss nicht diagnostiziert, also es ist keine,

11:16

keine Zugangsvoraussetzung,

11:18

dass man sich da schon mal die Tipps holen kann in den Gesprächen,

11:21

mit den Betroffenen oder auch mit den Moderatoren.

11:24

Kannst du vielleicht kurz schildern, wie läuft so eine Selbsthilfegruppe,

11:29

ob jetzt Präsenz oder online, ab?

11:33

Ja, also vom Prinzip her ist es tatsächlich egal,

11:36

ob Präsenz oder online, ist sehr ähnlich.

11:38

Es geht einfach darum, dass sich von der ADHS Betroffene oder jede Person,

11:42

die sich in irgendeiner Weise mit der ADHS auseinandersetzt,

11:46

mit anderen Personen vernetzen kann, im direkten Austausch berichten kann,

11:49

was ihr eigenes Anliegen ist, wo sie ihre Probleme hat,

11:53

wenn sie bei sich selbst eine ADHS sieht

11:56

oder die vielleicht schon diagnostiziert worden ist,

11:58

das Wesen der ADHS, der Betroffenheit in irgendeiner Weise dann sieht

12:05

und vielleicht im Alltag dann eben Tipps braucht,

12:08

wie man besser damit umgeht.

12:10

Und durch diesen Austausch entsteht erstmal grundsätzlich eine Atmosphäre,

12:14

wo man vielleicht auch, was früher vielleicht nicht gegeben war,

12:19

dadurch, dass man sich als ADHS Betroffener vielleicht als der Einzige

12:23

in seinem sozialen Umfeld erlebt hat, jetzt plötzlich mit anderen zusammen ist,

12:26

die relativ ähnlich denken, relativ ähnlich ticken

12:29

und sich dann da vielleicht auch wohler fühlt.

12:32

In der Regel machen unsere Gruppen regelmäßige Treffen,

12:36

einmal im Monat beispielsweise, manche auch öfter.

12:40

Und dann ist es so, dass man oft wechselt.

12:44

So die Mehrzahl der Termine, es sind schon offene Termine,

12:47

wo es darum geht, dass jeder, der neu dazukommt,

12:49

auch ein bisschen sich berichten kann über sich selbst,

12:52

auch genug Zeit hat, sich da reinzufinden.

12:54

Aber es gibt immer wieder auch Termine, die jetzt nicht geschlossen sind,

12:58

aber organisiert sind, sodass bei diesen Terminen eben beispielsweise ein Referent kommt

13:03

oder einfach bestimmte Themen in den Mittelpunkt gestellt werden,

13:05

sodass es für diejenigen, die regelmäßig die Gruppe besuchen,

13:08

jetzt nicht langweilig wird, dass man mit jedem neuen Mitglied,

13:10

das da kommt, quasi wieder dessen Lebensgeschichte anhört

13:13

und vielleicht diese Person berät, aber selbst nichts mehr aus dieser Selbsthilfesituation,

13:19

für sich Nützliches rauszieht.

13:22

Und online ist es so, dass wir in der Regel noch einen Vorlauf haben,

13:25

dass die Leute tatsächlich auch betroffen sind

13:28

oder sich aus eigenem Antrieb mit dem Thema auseinandersetzen

13:30

und nicht das allzu einfach ist, dass sich jemand, der vielleicht für die Medien arbeitet

13:35

oder aus irgendwelchen anderen Gründen jetzt ein Interesse daran hat, in die Gruppe reinzukommen,

13:40

sich da Zugang verschafft, Informationen nimmt und die vielleicht auch dann in irgendeiner Weise veröffentlicht

13:46

oder weiterverbreitet, was wir natürlich nicht wollen.

13:48

Das ist klar.

13:49

Das ist auch ein Thema, das wir uns immer wieder an die Gruppe stellen.

13:49

Das ist ein Thema, das wir uns immer wieder an die Gruppe stellen.

13:49

Das ist ein Thema, das wir uns immer wieder an die Gruppe stellen.

13:49

Und auch jeder Teilnehmer an der Selbsthilfegruppe, egal ob präsent oder online,

13:53

sich verpflichtet, alles das, was in der Gruppe gesprochen wird, nicht nach außen zu tragen.

13:57

Das soll ja auch ein Schutzraum sein.

13:59

Und wenn da jetzt jemand kommt, der da irgendeinen Vorteil draus ziehen will,

14:02

ist das natürlich auch mehr als verwerflich, muss ich ganz ehrlich sagen.

14:07

Hatten wir gehabt.

14:08

Das war vor, weiß ich gar nicht mehr, zehn Jahren, 15 Jahren wahrscheinlich schon,

14:13

so ein Bericht, der damals im ZDF Frontal lief.

14:19

Wo die verdeckt in eine Gruppe gegangen sind und Fragen gestellt hatten

14:24

und letzten Endes diese Gruppenleitung dazu gebracht hatten,

14:29

nach mehrmaligem konkretem Nachfragen sich zu einem Medikament zu äußern,

14:33

um dann später in der Sendung darzustellen,

14:35

dass nicht medizinisch qualifizierte Personen im Verein medizinische Ratschläge geben

14:41

oder sich zu medizinischen Fakten äußern.

14:44

Das ist leider schwierig.

14:48

Und fast nicht zu vermeiden.

14:50

Aber wir haben im Anschluss daran dann auch die Schulung für unsere Gruppenleiter intensiviert,

14:56

um nochmal das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass das auch passieren kann.

15:01

Und dass es wichtig ist, dass man immer nur in dem Bereich auch informiert und spricht,

15:05

in dem man tatsächlich auch qualifiziert ist.

15:07

Ich habe auf der Homepage gesehen, dass ihr auch eine Telefonberatung habt.

15:10

Wie muss ich mir das vorstellen? Was passiert da so?

15:13

Und gibt es da auch irgendwelche No-Gos? Also irgendwas, was man da nicht tun sollte?

15:18

Also ich glaube, die No-Gos, um mit denen anzufangen, sind dieselben,

15:23

wie wenn man bei einer anderen Form von Informationsquelle anruft.

15:29

Also ich würde auch nicht versuchen, ein Hotel reservieren zu wollen, telefonisch,

15:33

und gleich die Rezeptionistin zu beschimpfen.

15:35

Ansonsten gibt es jetzt keine Grenzen für die Personen, die anrufen.

15:40

Was dort passiert ist, dass einfach Personen zur Verfügung stehen.

15:44

Das ist ja auch nach Landesgruppen.

15:48

Und das ist auch eine Art, die sich in der Regel einigermaßen lokal orientiert sind,

15:53

über die ADHS informieren können, Fragen beantworten können und Tipps geben,

15:58

wie man jetzt weiter verfahren kann.

16:00

Das darf man sich jetzt nicht vorstellen als eine medizinische oder psychologische Beratung,

16:04

sondern eher als einen Zugang zu Informationen, falls man das jetzt nicht übers Internet macht,

16:09

zu Informationen, wo es welche Hilfen gibt, welches Vorgehen unter Umständen sinnvoll ist,

16:15

um auf der Grundlage dann...

16:18

...eine gute Behandlung zu bekommen, um besser weiterarbeiten zu können im Alltag.

16:21

Genau. Und die Leute, die dahinter sitzen, machen die das alle ehrenamtlich, oder?

16:26

Die machen das alle ehrenamtlich, genauso wie wir im Vorstand.

16:28

Wir haben zwar eine Geschäftsstelle, wir haben auch eine Geschäftsführerin,

16:32

die man tatsächlich ja auch sinnvollerweise bezahlt dafür,

16:36

dass sie ihren kompletten Lebensalltag und weit mehr als man bezahlt,

16:40

letztlich dem Thema auch gewidmet haben oder widmen.

16:43

Aber fast alle Arbeit wird ansonsten oder praktisch alle Arbeit,

16:48

von Freiwilligen gemacht, ehrenamtlich gemacht.

16:51

Wir sind eben auch ein als gemeinnützig anerkannter Verein.

16:55

Und im Prinzip sind das dann die Mitglieder, die helfen,

16:58

oder könnten auch andere sagen, wir haben Interesse zu helfen?

17:02

Naja, dadurch, dass die Selbsthilfegruppen erstmal offen sind und man dazu kein Mitglied sein muss,

17:08

gibt es natürlich immer wieder, auch vor allem auf lokaler Ebene,

17:11

Initiativen, Aktionen, wo auch Nicht-Mitglieder uns unterstützen.

17:15

Abgesehen davon, dass es ja auch Solidarität mit anderen Vereinen,

17:18

Verbänden oder in bestimmten Konstellationen auf Messen oder wo auch immer man Präsentes gibt.

17:23

Aber grundsätzlich ist es natürlich so, wenn man im ADHS, für den ADHS Deutschland tätig sein möchte,

17:30

muss man Mitglied sein.

17:31

Und wir freuen uns über jedes neue Mitglied.

17:34

Ich habe auch schon gehört, dass du im Zuge der Recherchen für diesen Podcast Mitglied geworden bist.

17:39

Das ist sehr schön und dafür sind wir sehr dankbar.

17:41

Denn Mitglied zu sein ist ja zum einen natürlich auch die Möglichkeit, sich in einem Verein zu engagieren,

17:46

was man auch tun sollte.

17:48

Also da freuen wir uns immer, wenn wir solche Mitglieder haben und nicht nur passive Mitglieder.

17:52

Aber Mitglied zu sein bedeutet eben auch, einem Verein zu ermöglichen, zu sagen,

17:55

hey, wir haben so und so viele Mitglieder, also wie im Fall des ADHS Deutschland mehrere tausend Mitglieder.

18:00

Das verleiht einem Verein und den Vertretern des Vereins natürlich auch in öffentlichen Diskussionen

18:05

und auch in Gremien mehr Gewicht, als wenn man einfach 30 Menschen vertritt,

18:12

die wunderbar engagiert sein können, aber dennoch halt vielleicht aus der Perspektive von einem

18:17

Politiker, der sich da auch in der Lage stellt, sich zu engagieren.

18:18

Das ist natürlich auch ein sehr guter Punkt.

18:18

Aber wenn man sich da auch als Politiker oder von Gesundheitsoffiziellen nicht die Masse

18:21

darstellt, die man erstmal ernst nehmen und würdigen muss.

18:24

Könnt ihr sagen, welche Fragen ihr so am häufigsten bekommt?

18:32

Oder kann man das nicht so genau sagen?

18:35

Das ist tatsächlich schwer.

18:37

Und das wäre vielleicht mal ein interessanter Punkt, auch seit einiger Zeit einen KI-Chatbot,

18:44

der Fragen auch direkt beantwortet.

18:46

Der ist nur gespeist.

18:47

aus unseren eigenen Texten und also qualitativ hochwertigen Informationen.

18:51

Insofern kann er jetzt auch nicht viel Unfug erzählen,

18:54

weil er nicht andere Informationen irgendwo aus dem Netz,

18:58

die UdEL-Bürger gesaugt hat.

18:59

Und man müsste bei dem mal schauen, was tatsächlich die häufigsten Anfragen sind.

19:03

Ich betreue bei uns ja die Facebook-Seite.

19:06

Und wenn ich da schaue, dann fällt mir weniger ein,

19:12

was ich gefragt werde, als das die häufigste Anmerkung.

19:15

Mittlerweile manchmal auch schon so mit dem ironischen Smiley, die ich bekomme.

19:19

Ey, der Text ist zu lang für einen ADHSler, kann man das nicht auch kürzer fassen?

19:24

Okay.

19:26

Ja, das kann ich nachvollziehen.

19:31

Das war wundervoll, dass es aber auch einem ADHSler passiert,

19:34

dass der ein langer Text, aber das ist, glaube ich, dann auch wieder dieser Hyperfokus,

19:37

den Sascha so gern beschwört.

19:40

Also ich bin ja persönlich der Meinung, dass ADHS und Textlänge jetzt nicht,

19:45

ähm,

19:45

quasi konkurrent sind, sondern ich bin tatsächlich so, wie ich bin,

19:51

Zeit meines Lebens.

19:53

Aber ich habe schon in meiner Kindheit gerne Thomas Mann gelesen.

19:57

Und ich habe das tatsächlich auch fertiggebracht,

19:59

Bücher von mehreren hundert Seiten und viele Bücher über mehrere hundert Seiten zu lesen.

20:05

Ich glaube, dass es heute schwieriger ist, ist weniger die ADHS,

20:09

sondern mehr, dass es einfach schon eine ganz große Gewöhnung daran gibt,

20:12

dass Informationen wahnsinnig verkürzt werden,

20:15

dass man sich ständig neuen Themen zu widmet,

20:18

dass wir, was früher das Zappen beim Fernsehen war,

20:21

heute eben durch soziale Netzwerke scrollen.

20:24

Und es wäre falsch, das als ADHS misszuverstehen.

20:29

Aber jemand, der ADHS hat, ist vielleicht noch mehr geneigt,

20:32

diesen Techniken zu folgen und auch so hineingesogen zu werden in Angebote,

20:37

die eben ständig neue Reize bieten und die einen nicht dazu zwingen,

20:41

die Aufmerksamkeit über längere Zeit einem Thema zu widmen.

20:43

Du hast ja heute viel mehr Sachen.

20:45

Audio und visuell.

20:47

Also du brauchst kein Buch mehr lesen.

20:49

Du kannst es dir vorlesen lassen.

20:51

Du kannst dir alles auch als Video angucken.

20:53

Du kannst es dir auch zusammenfassen lassen.

20:54

Du kannst es dir zusammenfassen lassen, auch über KI.

20:57

Also von daher ist es schon richtig.

21:00

Aber ich glaube, da zeigt sich natürlich auch, was der Nachteil dann ist,

21:06

wenn man für sich selbst sagt, mir reichen diese Zusammenfassungen

21:10

oder diese verkürzten Informationen.

21:12

Ich meine, klar kann man die Inhaltsangabe vom Zauberberg,

21:15

machen, aber den ganzen Humor, die Ironie, den Sarkasmus eines Romans

21:22

kann man nicht durch eine Zusammenfassung des Inhalts aufnehmen.

21:28

Das heißt, man bringt sich eigentlich, wenn man immer nur diese kurzen Zusammenfassungen liest,

21:33

um das ganze Vergnügen des Lesens.

21:34

Kein Wunder, dass man dann hinterher sagt, ich will nur noch kurze Sachen lesen.

21:37

Alles andere ist langweilig.

21:39

Gerade Humor ist ja etwas, was die KI auch noch nicht hinbekommt, tatsächlich.

21:43

Oder nur unfreiwillig.

21:45

Humor.

21:47

Da hat sie noch zu kämpfen.

21:50

ADHS war ja lange Zeit so ein bisschen im Schatten, auch in Deutschland.

21:54

Ich glaube, wir haben gestern kurz darüber gesprochen,

21:56

dass ja ADHS in Deutschland relativ spät auch erst ankam.

22:00

Und als es dann aber so in den Fokus kam und gab es ja immer wieder,

22:04

und ich glaube, die Aussagen gibt es ja heute auch,

22:07

so Aussagen wie ADHS so eine Modekrankheit oder anscheinend hat das ja heute jeder.

22:11

Aber sind das so die hartnäckigsten Missverständnisse?

22:16

Und wie geht hier mit solchen Aussagen um?

22:20

Also das ist sicher der Bereich, der sich bei allem Negativen,

22:24

was man über die sozialen Netzwerke oder manchmal auch die Medienberichterstattung sagen kann,

22:29

sich am meisten zum Positiven gewandelt hat.

22:32

Es ist mittlerweile eine große Aufmerksamkeit, Anerkennung auch erstmal für das Störungsbild ADHS da.

22:37

Das ist ganz anders, als wenn man vor 20 Jahren eine Lehrerfortbildung gemacht hatte,

22:41

zum Thema ADHS, war man ganz oft eben noch mit solchen Vorurteilen konfrontiert.

22:45

Das ist ein Erziehungsproblem, das ist ein gesellschaftliches Problem,

22:51

eine Frage der Sozialisation, aber sicher nicht ein Störungsbild,

22:54

was in irgendeiner Weise genetisch disponiert ist.

22:57

Und das sind bis heute natürlich auf der einen Seite immer noch die häufigsten Vorurteile,

23:02

die gegen die ADHS vorgebracht werden, dass sie sozial vermittelt wird,

23:06

dass Armut, dass Mediennutzung, dass weiß der Kuckuck, was alles ADHS hervorrufen kann.

23:11

Und dass insbesondere dann ihre Behandlung, auch so eine medikamentöse Behandlung,

23:16

im Grunde so eine quasi Medikalisierung von sozialen Problemen darstellt.

23:25

Allerdings, wie gesagt, das hat ziemlich stark abgenommen

23:28

und ist heute jetzt nicht mehr in dem Maße als Vorurteil präsent.

23:34

Man darf auch nicht vergessen, auch in Deutschland,

23:36

selbst wenn wir den Amerikanern zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg ein bisschen gefordert,

23:41

gefolgt sind in der Auseinandersetzung mit psychiatrischen Erkrankungen,

23:46

gab es schon früher letztlich als in jedem anderen Land eine Auseinandersetzung mit Kindern,

23:54

die mit der Aufmerksamkeit Probleme hatten.

23:56

1932 erschien in der Zeitschrift für Neurologie ein Artikel von zwei Kinderärzten an der Charité in Berlin

24:03

über eine hyperkinetische Erkrankung des Kindesalters.

24:06

Da ist ja schon dieser Begriff hyperkinetisch schon mit drin.

24:11

Das ist der erste.

24:11

Der erste wissenschaftliche Bericht, der diesen Titel sogar auch trägt zum Thema ADHS

24:16

und das, was dort beschrieben wird, kann man heute immer noch eins zu eins übernehmen,

24:21

zumindest für diese sehr auffälligen hyperaktiven Kinder.

24:25

Und auch in Deutschland ist nach dem Zweiten Weltkrieg die Auseinandersetzung mit der ADHS

24:30

und die medikamentöse Behandlung seit den 70er Jahren präsent.

24:35

Also wenn man heute mit Menschen spricht, die die Diagnose haben,

24:39

die haben tatsächlich jetzt auch schon,

24:41

in einer wachsenden Zahl Eltern, oft halt die Väter,

24:45

die auch schon das Problem hatten und die auch schon in ihrer Kinder diagnostiziert und behandelt wurden.

24:50

Aber diese Breite hat es bei uns erst ab 2000 ungefähr erreicht.

24:55

Und die quasi mediale Präsenz, die es heute hat,

24:59

auch das jetzt in einem Zeitschriftfilm Spiegel,

25:02

der ganz lang so ein bisschen ADHS-avers war,

25:06

also immer so ein Redakteur hatte, der negativ über die ADHS geschrieben hat,

25:11

heute positiv über die ADHS berichtet,

25:16

auch diesen Zug aufgesprungen ist,

25:17

ganz viele Aspekte der ADHS, vom Arbeitsplatz über das Privatleben,

25:23

die Partnerschaft dann aufzugreifen,

25:24

das ist tatsächlich erst in den letzten Jahren

25:26

und wahrscheinlich auch aus dem Grund entstanden,

25:30

dass die sozialen Netzwerke das Thema gehypt hatten.

25:33

Also wenn ich mich so recht erinnere,

25:35

meine Oma beispielsweise, Gott hab sie selig,

25:37

bin ich bis heute überzeugt, dass die ADHS hatte,

25:41

zum einen, wenn ich so aus der Geschichte von meinem Vater

25:44

oder von meiner Großtante immer erzählt bekomme,

25:47

dass die halt, die war nicht beschulbar damals,

25:49

die hat auch sich geweigert, in die Schule zu gehen,

25:51

hat oft geschwänzt, hat damals kein Lesen, kein Rechnen,

25:55

also meine Oma war Analphabetin,

25:57

weil sie sich schlecht weg geweigert hatte, das zu lernen,

26:01

ist trotzdem ihr Leben lang durchgekommen

26:05

und konnte sich eigentlich auch auf wenige Sachen konzentrieren.

26:07

Manchmal konnte sie sich nicht mal auf ein Gespräch mit mir konzentrieren.

26:11

Also ich glaube, was du schon sagst,

26:13

das ist auch damals und das ist ja auch so diese Kriegsgeneration

26:16

oder kürzere Nachkriegsgeneration, dass es das schon immer gab.

26:20

Nur halt früher wurde gesagt, ist halt ein lebhaftes Kind,

26:23

ist ein schwieriges Kind oder sowas in der Art.

26:26

Ja, und es sind natürlich auch erzieherische Maßnahmen angewendet worden,

26:30

die letztlich manchmal so massiv waren,

26:33

dass selbst ein ADHS-Kind den Teil des Verhaltens und jeder ADHS-Betroffene kann sein Verhalten ja in der Regel auch verhindern kann.

26:41

Also ich glaube, dass man sich nicht mehr so sehr mit dem Thema,

26:44

was man in den Teilen und zu Zeiten mehr oder weniger gut kontrollieren,

26:47

alles aufbieten wird, um sich zu kontrollieren, sich zu beherrschen,

26:51

weil die Sanktionen, die dem ansonsten folgten, einfach schlimm waren.

26:56

Also wenn ich die ganze Zeit damit bedroht bin,

26:58

dass wenn ich einen Scheiß mache, verprügelt werde von meinem Vater,

27:02

dann schaue ich schon drauf, dass das sich nicht allzu oft passiert,

27:08

selbst wenn ich immer mal wieder in Momente komme,

27:10

wo ich mich nicht mehr so strafwürdig ausatmen könnte.

27:13

Fühlt aber, glaube ich, zu einem hohen Leidensdruck, den man dann noch so hat,

27:16

weil man dann ja schon stark maskieren muss.

27:20

Ja, in jedem Fall.

27:22

Ich bin auch noch so aufgewachsen, dass tatsächlich, ja,

27:28

also ein Verhalten war, das dann manchmal eben auch drastisch sanktioniert wurde.

27:33

Selbst wenn der positive Aspekt war, dass ich jetzt nicht pathologisiert worden bin,

27:38

also dass meine Eltern, die mir dann immer wieder sagen, dass ich jetzt nicht pathologisiert worden bin, also dass meine Eltern,

27:39

jetzt dachten, na, das muss man irgendwie in den Griff bekommen,

27:43

aber nicht darüber nachdachten, dass das jetzt irgendwie eine große Krankheit oder Störung sein könnte.

27:47

Ja, also meine Eltern wussten das ja auch nicht.

27:50

Wir haben uns immer nur die Frage gestellt, warum kann er das denn nicht?

27:53

Und meine ehrliche Antwort war damals weiß ich nicht, weil ich es wirklich nicht wusste.

27:58

Und ich hatte eine Erzählung von meiner Mutter, die sagt, das hat sie dann immer noch saurer gemacht,

28:04

weil sie immer gedacht hat, wie kann er das denn nicht wissen?

28:07

Jetzt will er sich nur irgendwie rausreden.

28:09

Oder nicht mit mir reden, das macht es schwierig.

28:11

Also ich habe alles in allem meine eigene Kindheit jetzt insbesondere so in Bezug zur ADS jetzt nicht besonders negativ erlebt.

28:22

Also rückwirkend würde ich sogar manchmal sagen, die ADS hat dazu geführt, dass ich heute mehr und Wilderes erzählen kann.

28:28

Also gerade wenn man eigene Kinder oder wenn ich später mal Enkelkinder habe, erzählen kann, was man alles getan hat.

28:34

Und auch so, wenn man ein Klassentreffen hat, manchmal noch mit einem,

28:39

mit einem gewissen Respekt darüber gesprochen wird, dass man sich getraut hat, dieses oder jenes zu tun.

28:45

Und ich habe das gestern ja auch schon gesagt, wenn ich das irgendwie beschreiben sollte, dann ist es eben ähnlich.

28:50

Diesem Witz von jemandem, der in England war und wieder zurückkommen gefragt hat, hast du Probleme mit deinem Englisch?

28:56

Sagt nee, nicht ich, die Engländer.

28:59

Und ich hatte eben aus meiner Sicht auch nicht die großen Probleme mit meinem ADHS.

29:02

Es waren eigentlich eher die anderen.

29:04

Ja, kann ich nachvollziehen.

29:05

Du kennst mich doch gar nicht.

29:07

Nee, aber Sascha.

29:08

Ja, ich kann dich nachvollziehen.

29:09

Sascha.

29:11

Aber du weißt ja noch nicht, welche Spektren wir haben.

29:13

Nee, das ist aber, du sagst, ich sage mal so, du hast ein breites Spektrum.

29:18

Ja.

29:19

Ja.

29:20

Ich lasse das jetzt einfach so stehen.

29:22

Ich habe dir schon mal gedacht, wenn wir einen Teleprompter machen, meine Schrift wird nicht die Fette.

29:26

Genau.

29:30

Ich würde mal sagen, sie haben mir eine Frage, die ich mir fast schon fast selber beantworten kann, aber ich möchte sie trotzdem mal stellen.

29:35

Und das ist, welche Themen belasten Betroffene?

29:39

Richtig.

29:39

Und Angehörige im Alltag am häufigsten, also Schule, Arbeit, Beziehung, Organisation, Selbstwert, Begleiterkrankung.

29:46

Ich würde sagen, vermutlich alles.

29:48

Das kann man wahrscheinlich nicht so klar rauskristallisieren, weil das bei jedem was anderes ist.

29:53

Aber ich stelle sie einfach mal.

29:54

Vielleicht hast du ja andere Erfahrungen.

29:57

Nein, das stimmt schon.

29:58

Und alles ist wirklich die richtige Antwort.

30:00

Dazu muss man einfach verstehen, dass die ADHS ja eine Verhaltenshemmungsstörung ist.

30:05

Das heißt, eine Problematik, die darin begründet ist, dass man auf sehr viele Rechte,

30:09

Reize sehr schnell reagiert und die Reaktion darauf nicht immer in einem

30:13

Maße einbremsen kann, wie es vielleicht in einer bestimmten sozialen Situation auch

30:16

angemessen und erwünscht wäre. Und die ganze Bandbreite des

30:21

Lebens schlägt sich dann eben auch im Zweifelsfall in derselben Bandbreite

30:24

an Problemen als ADS-Betroffene nieder. Wenn ich auf bestimmte

30:28

Situationen, auf bestimmte Reize eben extrem impulsiv reagiere,

30:33

werde ich in einer Gemeinschaft, wo es darum geht, sich auch selber zu kontrollieren,

30:36

auch so sich anzupassen, immer Probleme haben. Aber entsprechend natürlich

30:40

dieser Gemeinschaft und wie sie lebt und was sie von mir

30:44

als Betroffenem verlangt. Ich glaube tatsächlich, dass das größte

30:48

Problem von ADS-Betroffenen ist, dass sie in vielen

30:52

Situationen Sachen sagen oder tun, die sie

30:56

hinterher bereuen. Aber sie können sich in dem Moment, obwohl sie wissen,

31:01

dass wenn sie jetzt in einer vernünftigen Art und Weise drüber

31:04

nachgedacht hätten, würdest du in so einer

31:06

Situation nicht mehr leben.

31:06

Wenn sie in einer Situation das sagen oder das tun, sofort gesagt hätten, nein, niemals,

31:10

sie dann trotzdem durch die Reize in der Situation, durch den Stress,

31:14

durch die Überforderung getriggert werden, dann etwas

31:18

zu sagen und zu tun, was sie bereuen. Das ist tatsächlich so.

31:22

Ich habe vor einigen Monaten zu meinem Chef mal gesagt, also diese

31:26

Dienstsitzungen sind ja fürchterlich in der Dienstsitzung. Das ist ja nur bla bla bla.

31:33

Und dann kam ja, wenn du eine

31:34

Aufmerksamkeitsspanne wie ein Dreijähriger hast, kann ich

31:36

das nicht machen. Das ist ja nur bla bla bla.

31:36

Ich kann das verstehen. Und dann brach es aus mir heraus, wenn du redest wie ein

31:41

Dreijähriger, brauchst du dich nicht wundern. Wir reden miteinander. Wir haben das

31:45

abgetan unter Humor. Aber das war schon, wo ich hinterher dachte, ah, das hättest du

31:49

vielleicht besser gelassen.

31:52

Ja, ich habe ja auch so ein Erlebnis gehabt zu dem Zeitpunkt. Da hatte ich ja die

31:56

Diagnose schon und wusste eigentlich schon relativ viel über mich oder hatte

32:01

zumindest geglaubt, viel über mich zu wissen und mich auch einigermaßen zu

32:04

beherrschen. Und ich war in der Promotionsprüfung und der

32:06

Professor hatte was gefragt und er wollte einen bestimmten Begriff hören,

32:11

den ich nicht präsentiert hatte, weil ich einfach nicht verstanden hatte,

32:13

auf was er hinaus wollte. Und die Prüfung war ansonsten großartig gelaufen.

32:17

Und dann sagte er endlich diesen Begriff und tat dies mit so einer großen

32:22

Geste der Enttäuschung und des Unverständnisses, wie ich das jetzt

32:27

nicht wissen konnte. Und dann hat mich das so genervt, dass ich in der Prüfung

32:31

gesagt habe, aber das ist doch Begriffshuberei. Und in derselben Sekunde, wie ich das

32:36

gesagt habe, hat er gesagt, das ist doch Begriffshuberei. Und in der selben Sekunde, wie ich das gesagt habe,

32:36

habe ich gedacht, scheiße, was hast du getan?

32:43

Es gibt aber immer einen Co-Referenten, also in dem Fall eine Referentin bei der Prüfung und ich habe 20 Minuten

32:48

vor der Tür gewartet, die diese Psychologin gebraucht hatte, den Professor davon zu überzeugen,

32:53

dass die Prüfung trotzdem eine Einser-Prüfung war, selbst wenn er sich über die Äußerung geärgert hat.

32:59

Ich habe es in meiner IT-Ausbildung immer gesagt, dass diese ganzen Begriffe nur dafür erfunden wurden,

33:04

damit Otto normal am besten die Prüfung macht.

33:06

Ich habe es in meiner IT-Ausbildung immer gesagt, dass diese ganzen Begriffe nur dafür erfunden wurden,

33:11

damit Otto normal am besten die Prüfung macht.

33:11

Das stimmt. Ich war ja bei der Bundeswehr auch, was man manchmal als ADHSer auch nicht glauben kann,

33:16

aber damals war es ja so, dass der Zivildienst länger war als die Bundeswehrzeit und ich mir

33:20

auch nicht vorstellen konnte, jetzt in einem Altenheim Senioren zu maltretieren.

33:26

Bei der Bundeswehr gibt es eine unendliche Flut von Abkürzungen.

33:31

Und ich bin auch der festen Überzeugung, dass erst mal jemand Abkürzungen erfunden hat und dann hat man,

33:36

sich bemüht, irgendwelche Begriffe für die Abkürzungen nachzureichen.

33:41

Weil sonst hätten die Abkürzungen keinen Sinn gemacht.

33:45

Wir arbeiten im öffentlichen Dienst, da geht das genauso. Da wird auch alles Mögliche abgekürzt.

33:50

Das hast du im Englischen auch, nur da hören sich die Abkürzungen einfach cooler an, wenn du sie Englisch aussprichst.

33:57

Ja, das stimmt. Aber die Bundeswehr zum Beispiel ist auch so eine Zeit, ich habe die auch nicht negativ in Erinnerung.

34:02

Ich hatte auch viel Glück gehabt, es gab auch mal ein paar kritische Situationen.

34:05

Aber insgesamt war es eigentlich total lustig, auch als ADHSler.

34:10

Und als ich damals die Grundarztbildung abgeschlossen hatte, war in Remscheid, war das glaube ich gewesen,

34:17

so eine A-10-Thunderbolt abgestürzt.

34:20

Und wir konnten deswegen nicht so ein großes Hause machen, hatten eine etwas seriösere Veranstaltung.

34:25

Meine Kameraden hatten mich gebeten, zu dieser Veranstaltung eine Rede für uns Wehrpflichtige zu halten.

34:31

Und ich habe über die Bedeutung der Bundeswehr...

34:35

zur Sicherung der Grundrechte gesprochen, darunter das wichtigste Grundrecht, das Recht auf Wehrdienstverweigerung.

34:40

Und das war einfach total lustig.

34:45

Also das hast du in Uniform gehalten, ja, das ist ja herrlich.

34:47

Das habe ich in Uniform gehalten, genau.

34:48

Das ist ja herrlich.

34:49

Und am nächsten Morgen, beim Morgenappell, hatte unser Hauptmann, der damals glaube ich der jüngste Hauptmann als Kompaniechef war in der Bundeswehr,

34:56

der dann gesagt hat, schöne Rede, Fliegerstreif.

35:00

Ich glaube nicht, dass viele von ihren Kollegen die verstanden haben.

35:05

Ja, schön.

35:07

Ich habe noch die Frage, wo erlebt ihr bei Erwachsenen mit ADHS die größten Versorgungslücken?

35:12

Ich würde ja fast sagen, eine versucht ihr ja durchaus zu schließen mit Selbsthilfegruppen und online Selbsthilfegruppen.

35:19

Also wenn man das, es stimmt ja auch als Versorgung begreift, dass man sich Informationen auch bei anderen Menschen holt,

35:27

die in ähnlichen Lebenssituationen leben, dann ist das tatsächlich ein Schluss auch von einer Versorgungslücke.

35:33

Wenn man eine Versorgungslücke jetzt oder eine Versorgung als Versorgung bezeichnet, ist das dann auch ein Schluss.

35:34

Ja, das ist ein Schluss.

35:34

Also was begreift eben nicht wie Selbsthilfe, Hilfe zur Selbsthilfe, sondern als Hilfe, die man bekommt, weil man eben krank ist. Dann ist natürlich die Versorgung durch entsprechend qualifizierte Ärzte und Psychologen und Psychotherapeuten unser größtes Problem.

35:51

Es ist ja gerade wieder so eine große Diskussion, gibt ja diesen Beschluss der gesetzlichen Krankenkassen, den Honorarsatz abzusenken für ambulante Psychotherapie. Ein großer Aufschrei werden wir als Verband natürlich auch angefragt. Hey, positioniert euch dazu, veröffentlicht diese Petition beispielsweise, um Unterschriften zu sammeln.

36:14

Ich tue mich manchmal ein bisschen schwer. Neben dem, dass ich ADS betroffen bin, dass ich ADS-Selbsthilfe mache, bin ich natürlich auch ein Bürger dieses Staates.

36:21

Und bin ein Steuerzahler. Und es ist auch leicht immer zu fordern, es soll überall noch irgendwas ausgebaut werden, noch irgendwas größer gemacht werden. Man kann sich vorstellen, dass wir irgendwann auch, weiß ich, drei Viertel unseres Etats dafür ausgeben, dass wir zu Ärzten gehen, irgendwelche medizinischen Behandlungen durchlaufen.

36:42

Das hat vielleicht sogar eine gewisse Berechtigung, weil das ist wichtiger im Leben als das Leben selbst. Aber dass wir das immer weiter ausbauen, aber nicht wirklich.

36:51

Und dann würde ich sagen, dass wir jetzt nicht eine Versorgungslücke immer haben in Deutschland, die darin liegt, dass wir nicht genügend Ärzte, nicht genügend Therapieplätze haben, sondern dass wir eine falsche Zuweisung von diesen Ressourcen oft haben.

37:09

Und diejenigen, die am schwersten betroffen sind, die sich vielleicht aber auch am schwersten tun, dann selber aktiv um solche Hilfe nachzusuchen, sind diejenigen, die es auch am schwersten haben, Diagnosen zu bekommen.

37:21

Und im Zweifelsfall auch angemessen behandelt zu werden.

37:26

Und ADHS-Betroffene sind, vor allem wenn sie schwerer betroffen sind, auch kein jetzt für einen Arzt oder Psychotherapeuten manchmal besonders angenehmes Klientel.

37:37

Abgesehen davon, dass man viele Überraschungen erlebt, sind sie aber auch anstrengend, sie sind unpünktlich, sie sind manchmal querulatorisch.

37:45

Sie sagen einem vielleicht auch mal am Ende der Sitzung, dass es der beschissenste Termin war.

37:49

So ähnlich wie die langweiligste Besprechung.

37:51

Die man bisher hatte.

37:55

Und es ist anstrengender für Leute, die professionell mit solchen Klienten umgehen, die zu betreuen und dann tatsächlich auch Erfolge zu erzielen, als wenn ich mich um andere Störungsbilder, um andere Menschen kümmere, die vielleicht auch noch dankbarer sind dafür, dass ihnen geholfen wird.

38:13

Insofern verstehe ich das, dass wir ADHS-Betroffene und vor allem die Schwerbetroffenen manchmal nicht so den guten Zugang haben zu Psychiatern.

38:21

Zu Therapieplätzen.

38:25

Aber wenn die Ressourcen, die bereits bestehen, besser verteilt würden, glaube ich, wäre schon viel erreicht und wahrscheinlich auch sozial besser vermittelbar erreicht, als wenn wir ständig verlangen, dass noch mehr in diese Systeme investiert wird.

38:43

Ohne, dass wir ja dann im Ergebnis sehen, dass der Bedarf tatsächlich gedeckt wird.

38:48

Ich glaube, dass beispielsweise im Bereich der Psychotherapie.

38:50

Aber wir wissen es mittlerweile auch durch so Gesundheitscoaching, also so eine allgemeine Edukation, manchmal die Auseinandersetzung mit diesen Themen letztlich weiteren Bedarf schafft.

39:00

Also eine neue Studie aus Großbritannien, wo man geschaut hat, ob das was bringt, wenn man Jugendliche im Rahmen der Schule halt informiert auch über Krankheiten, über psychiatrische Störungen und hat festgestellt, dass es im Mittel den Jugendlichen schlechter ging nach solchen Informationsveranstaltungen.

39:19

Oder so.

39:20

Ja, das ist, glaube ich, einfach, wenn der Kopf auf die Knie kommt.

39:50

Ja, das ist, glaube ich, einfach, wenn der Kopf auf die Knie kommt.

39:50

Wenn der Kopf dann anfängt zu denken, aber das passt und das passt und dann habe ich das doch und, also ich breche das manchmal so runter, weil das ist so, wie wenn man das Kind kommt aus dem Kindergarten und sagt, bei uns sind Läuse, auf einmal fängt es am Kopf an zu jucken.

40:05

Es ist dasselbe Phänomen.

40:07

Ja, das denke ich auch.

40:10

Achso, erzähl weiter.

40:12

Ich wollte in dem Punkt nur noch sagen und deswegen finde ich es auch ganz wichtig, dass wir in unseren Selbsthilfegruppen ganz klar auch wollen, dass Leute kommen.

40:20

Die jetzt sich einfach mit dem Thema auseinandersetzen, ohne die Diagnose zu haben und ich hoffe sehr, dass sie dann nicht immer rausgehen, bestärkt darin, dass sie in jedem Fall auch ADHS haben und die Diagnose brauchen, sondern vielleicht auch manchmal für sich selber erkennen, hey, ich habe zwar in dem Bereich die Probleme, aber die sind vielleicht nicht so ausgeprägt wie bei anderen, die jetzt in dieser Gruppe waren oder wie ein Junge, der mal in einem Camp dabei war, der sich organisiert hatte für verhaltensaufwällige Kinder und der eher zu den Braven gehört hatte, dann am Ende des Camps sagte, hey,

40:49

jetzt weiß ich nach diesem Camp wenigstens, wie ich nicht werden will.

41:19

Ja gut, deine Probleme sind für dich anders gewichtet, aber das heißt ja nicht, dass es nicht Probleme sind.

41:25

Das stimmt, wenn es wirkliche Probleme sind und wenn jemand durch diese Probleme auch belastet ist, dann soll man die nicht kleinreden, aber wenn ich als jemand, der in Deutschland lebe, denke, dass ich immer kurz vor der Verarmung stehe, weil ich mich mit Elon Musk vergleiche, dann ist es vielleicht manchmal auch hilfreich, in andere Länder und deren Lebensstandards zu schauen und festzustellen, naja, aber.

41:49

So schlecht geht es mir vielleicht auch nicht und für die Psyche gilt es genauso.

41:53

Ja, das ist richtig.

41:55

Welche Rolle spielen bei ADHS-Erkrankungen die Angehörigen und wo können die sich Unterstützung holen? Wahrscheinlich auch bei euch bei ADHS Deutschland e.V., aber was kann man denen noch mit auf den Weg geben? Wie können die umgehen?

42:10

Also vielleicht fangen wir mit dem ersten Teil der Frage an.

42:14

Es ist in jedem Fall sehr wichtig, dass jemand, der von der ADHS...

42:19

Ja, der ist betroffen, es sei es als Kind, es sei es aber auch als Erwachsener von Menschen umgeben ist, die jetzt nicht nur Verständnis für das Störungsbild haben oder vielleicht auch für die Eigenheiten dieser Person, sondern die auch mithelfen, Strukturen zu setzen und einen Alltag zu bewältigen, den man alleine vielleicht nicht so bewältigen kann.

42:35

Ja, beispielsweise im Podcast, dass man jemanden hat, der dann eben auch mithilft, einen Rahmen zu schaffen, der funktioniert und das alles nicht ausartet in stundenlanges Reden.

42:46

Geschwafel.

42:46

Obwohl er ja schon im Grunde das zum Programm gemacht hat.

42:48

Das ist ja auch eine Möglichkeit.

42:49

Das ist wie wenn ich ADHS-Kabarett machen würde.

42:51

Das ist vielleicht glaubhaft und überspielt ganz wunderbar, was man sonst für Probleme hat.

42:56

Also da ist es ganz wichtig, dass man jemanden hat.

42:59

Und natürlich sind Eltern, die einen gut strukturierten und ritualisierten Alltag für ihre Kinder schaffen, das Beste, was einem ADHS-Kind passieren kann.

43:07

Genauso wie Partner, die einfach Verständnis für das Problem haben, aber gleichzeitig auch mithelfen, dass die Dinge, die im Alltag einfach erledigt werden müssen, auch gemacht werden.

43:16

Also ohne meine Frau.

43:19

Ja, das stimmt schon.

43:47

Aber die meisten Menschen schaffen das nicht.

43:48

Die schaffen es dann doch, sie irgendwann zu erledigen, im Bewusstsein, dass sie einen Vorteil für sie selbst darstellt und brauchen oder schaffen das dann auch mit einem noch einigermaßen erträglichen zeitlichen Abstand zu dem Moment, zu dem man einfach auch negative Konsequenzen zu gewertigen hat.

44:04

Ja, aber das ist ja eben Kernpunkt, kleine Abschweifung, ADHS-typisch, wie man die ADHS auch erkennen kann.

44:11

Was ich ja vorhin schon sagte, ich werde immer wieder auch gefragt bei Kindern, ja, was ist denn ADHS, was ist zum Beispiel eine Sozialverhaltensstörung?

44:17

Und dann sage ich immer, naja.

44:18

ADHS-Betroffene macht manchmal den Scheiß im vollen Bewusstsein, dass das negative Konsequenzen haben wird.

44:26

Und das ist so, dass er Sachen sagt, obwohl er weiß, dass die Lehrerin da not amused sein wird, in dem Moment zumindest aber nicht daran denkt und die Reaktion einfach nicht antizipiert und das einfach rauskommt.

44:37

Oder eben als Erwachsener dann so lange wartet mit irgendwelchen Dingen, die er erledigen muss, bis im Grunde in jedem Fall ein Nachteil daraus entstanden ist, weil man Strafzahlungen hat oder irgendwas anderes dann.

44:48

Also wenn man das zusätzlich tun muss, hätte man es früher erledigt, wäre es besser gewesen.

44:52

Aber um zu dem Punkt zu kommen, auch was kann man tun auch für die Angehörigen?

44:57

Natürlich haben wir eben auch Beratungen für Angehörige bei uns im ADHS Deutschland und sehen das auch ganz klar als etwas, was im Umfeld unterstützt werden muss, das auch Hilfen braucht.

45:07

Nicht immer zwangsläufig professionelle Hilfen, aber zumindest auch ein Verständnis dafür, dass auch jemand, der mit einem ADHS-Kind zusammenlebt, manchmal eine Erholung von einem ADHS-Kind braucht.

45:15

Oder dass jemand, der jetzt einen Partner hat mit ADHS.

45:18

Dass man mit ADHS auch durchaus sein eigenes privates Leben ohne den ADHS-Betroffenen kultivieren muss, weil es halt vielleicht im Alltag manchmal auch zu viel wird, sich die ganze Zeit mit dem Chaos auseinanderzusetzen.

45:31

Und die Tipps oder die Unterstützung, die man dann als Angehöriger bekommen kann, das sind ja oftmals nicht Sachen, die jetzt wirklich wieder ADHS-spezifisch sein müssen, sondern da geht es ganz viel darum, dass man sich selbst sieht, dass man sich selbst auch schützt, dass man aufgerieben wird.

45:47

Dass man irgendwo auch seine Grenzen hat.

45:48

Dass man sich selbst sieht, dass man Wege findet, wie man sich immer wieder auch aus der Situation rausziehen kann und erholen kann.

45:54

Und dass man das auch nicht als negativ oder irgendwie schon fast scham- oder schuldbehaftet sieht, wenn man an einer bestimmten Stelle irgendwann auch mal sagt, ich kann jetzt nicht mehr, ich muss jetzt auch mal wieder was anderes machen.

46:05

Oder im schlimmsten Fall auch bei einer Partnerschaft dann sagt, ey, ich gehe zugrunde, wenn ich in dieser Beziehung weiterlebe.

46:11

Einfach weil das Chaos, die Impulsivität, das Verhalten meines Partners einfach mich in einem Maße unglücklich macht.

46:18

Dass es keinen Sinn macht, aus Helfer-Syndrom oder was für einer Motivation auch immer jetzt da länger dran zu bleiben und weiterzumachen.

46:27

Du sagst aber auch dann ganz klar, als Angehöriger auch ruhig nicht in Watte packen, sondern auch ruhig Grenzen setzen und auch ganz klare Grenzen aufzeigen.

46:36

Ja klar, weil es ist ja nicht Boshaftigkeit, aber wenn ich jetzt beispielsweise als Kind hätte tun und lassen können, was ich wollte, hätte ich noch viel schlimmere Sachen gemacht als die, die ich so oder so gemacht hätte.

46:48

Einfach weil natürlich auch, wie ich es vorhin sagte, die Konsequenz, die mich erwartete, dann ab einer bestimmten Grenze so massiv war, dass ich diese Grenze nicht überschritten hatte.

47:00

Und diese Grenze waren ja eben die Strukturen und die klare Kante, die halt meine Eltern oder andere Personen zu meiner Zeit es ja so gewesen, dass wenn man irgendeinen Scheiß gemacht hat, ja auch irgendeinen Passant einem noch eine gescheuert hatte.

47:12

Dass man diese Grenzen eben nicht überschritten hatte und dass diese Vorgaben immer wieder auch...

47:18

Bekräftigt wurden und man nicht gesagt hatte, ja ey komm, das ist irgendwie sein ADS, die Familiengeschichte, was immer man als Entschuldigung dafür vorbringen kann, um damit zu rechtfertigen, dass man diesem Verhalten keine Grenze setzt.

47:32

Und die Realität ist doch, irgendwann im Leben sind wir für uns selbst verantwortlich und niemand wird, abgesehen davon, er ist irgendwie König oder sonst irgendwie von jeder Verantwortung befreit,

47:47

später ein Leben führen.

47:48

Streicher König, Setzepräsident der USA.

47:59

Ja.

48:02

Ich wollte das jetzt nicht so aussprechen.

48:06

Ich habe noch vor, irgendwann in die USA zu reisen.

48:08

Ja, aber die NSL hört ja sowieso mit.

48:13

Wobei, es ist auch tatsächlich auch mal eine Diskussion gewesen, die wir im ADS Deutschland...

48:18

Ja.

48:18

Aber eigentlich...

48:18

Mehr so auf Facebook hat, natürlich auch mit Leuten von außen, ob Trump ADHS hat.

48:24

Das, darauf wollte ich hinaus.

48:26

Also, er hat ja auch schon ein sehr großes Geltungsbedürfnis und ich könnte es mir gut vorstellen.

48:33

Was jetzt kein ADHS-Symptom ist.

48:34

Nee.

48:35

Aber...

48:35

Also bei ihm finde ich das schon extremst.

48:38

Ja, eben.

48:38

Aber das wäre dann eigentlich ein Punkt, wo ich dann auch sagen würde, nee, das ist es nicht.

48:41

Also, ich habe damals für mich gesagt gehabt, und selbst wenn er noch so viele klar erkennbare Symptome an der ADHS hätte,

48:48

ich weigere...

48:48

Ich weigere mich, mich...

48:50

Mit dem...

48:50

In irgendeiner Hinsicht mit ihm gemein zu machen.

48:53

Also, die ADHS mit ihm zu teilen.

48:56

Er wird quasi ausgeschlossen aus der ADHS-Gemeinschaft, ja?

48:59

Ich sage es mal böse.

49:01

Man guckt ja, wenn man ADHS lässt, auch gerne mal so, wo wird es noch vermutet.

49:05

Bei Albert Einstein geht man stark davon aus, dass er ADHS hatte.

49:09

Und dann habe ich mir irgendwann mal gesagt, jetzt sucht ihr mal nicht nur die Guten.

49:12

Auch bei Hitler ging man davon aus, dass er ADHS hatte.

49:15

Habe ich mal irgendwann gelesen.

49:17

Ja.

49:18

Aber das, glaube ich, ist auch so eine Folge eines Verständnisses der ADHS, das immer breiter geworden ist.

49:26

Also, mit Einstein habe ich mich auch auseinandergesetzt.

49:28

Und Einstein hat nichts von einem ADHSler.

49:30

Das ist auch sowas...

49:31

Klar, so Leute, da ist man dann gern dabei, dass man sagt, hey, das ist der zerstreute Professor,

49:35

den hätten wir gern in der Community.

49:37

Ich bin Einstein ein bisschen näher, persönlich auch ein bisschen näher, wenn er auch ADHS hätte wie ich.

49:43

Das verbindet uns auf eine ganz intime Art und Weise.

49:46

Aber Einstein war ein vollkommen Kontroversierter.

49:48

Ein kontrollierter und berechneter Mensch.

49:51

Und sein Spitzname als Kind war Pater Langweil.

49:54

Den Spitzname hat ihm seine Gouvernante gegeben, weil er einfach ein total fadiges Kind war.

49:59

Also alles andere als hyperaktiv oder sonst irgendwas.

50:02

Und es ist auch nicht so, dass er irgendwie, wie man oft gesagt hat, ein schlechter Schüler war.

50:06

Das war er nicht.

50:07

Er war in München auf einem extrem antisemitischen Gymnasium.

50:10

Und irgendwann, sein Vater ist ja dann pleite gegangen, ist die Familie nach Mailand umgezogen.

50:14

Er ist in München geblieben und hat dann quasi so eine Pension.

50:18

Bei, glaube ich, Eltern von einem Freund oder der irgendwo gewohnt gehabt.

50:21

Und er hat es aber dann nicht mehr ertragen, wie er behandelt wurde in diesem Gymnasium.

50:26

Einfach aufgrund seiner Religion, seiner Herkunft vollständig nachteilig.

50:29

Er ist in die Schweiz gegangen, hat versucht, sich an der ETH aufnehmen zu lassen.

50:33

Konnte ja da so eine Prüfung schreiben.

50:34

Ging damals noch ohne Abitur, ist durchgefallen wegen Physik.

50:37

Oder glaube ich auch nur wegen Mathematik.

50:40

Hat dann aber einfach in der Schweiz das Abitur auf einem regulären Gymnasium im Aargau nachgemacht.

50:45

Und hat dann eben angefangen zu studieren.

50:47

Das heißt,

50:48

er wusste ganz genau, was er wollte.

50:51

Er war sehr gut kontrolliert.

50:52

Er war gut begabt.

50:55

Aber man geht auch heute davon aus, dass seine erste Frau, Mileva Maric, die bessere Mathematikerin,

51:02

und dass sie mindestens so viel Anteil an dem Nobelpreis verdient hätte, wie er.

51:08

Ja, damit wir noch mal kurz wissen, wie wir jetzt am besten weitermachen.

51:12

Was sagt deine Zeit?

51:14

Meine?

51:15

Noch hat niemand in meiner Familie an meine Tür geklopft.

51:17

Und gesagt, wir wollen aufbrechen.

51:19

Irgendwann fahren wir jetzt dann zum Essen.

51:21

Okay, dann machen wir.

51:23

Also die Frage, die ich dann hätte, wäre, hättest du denn Lust, dass wir vielleicht noch einen zweiten Teil, wenn du dann noch mal Zeit hast, am Wochenende oder so anschließen?

51:31

Können wir machen.

51:32

Also wenn es für euch sinnvoll ist.

51:34

Ist eigentlich ganz lustig.

51:36

Ich unterhalte mich ja ganz gern mit euch.

51:37

Also deswegen.

51:38

Vito, Vito.

51:39

Ich finde es nämlich auch.

51:40

Wir hätten nämlich auch noch wirklich eine ganze Reihe an Fragen.

51:43

Und damit wir aber nicht nur starr an diesen Fragen sind.

51:45

Ja.

51:46

Und auch nur an diesem Fragen Korsett bleiben.

51:50

Diese Abschweiferei finde ich eigentlich auch mal ganz launisch.

51:53

Also von daher.

51:55

Ne, dann lass uns doch jetzt gleich einen neuen Termin ausmachen.

51:58

Und die Technik funktioniert ja auch hervorragend.

52:00

Ja, ich würde auch noch mal zu Sascha kommen.

52:02

Und dann sehen wir uns morgen, übermorgen noch mal.

52:05

Genau.

52:06

Alles klar.

52:07

Alles lustig mit euch.

52:08

Also, ciao.

52:09

Viel Spaß, ciao.

52:10

Das war Teil 1 unserer Sonderfolge zum Podcast Hohn 2026.

52:14

Mit Dr. Johannes Streif vom ADHS Deutschland e.V.

52:20

Wir hoffen, ihr konntet schon in diesem ersten Teil viele spannende Einblicke in die Arbeit des ADHS Deutschland e.V. mitnehmen.

52:29

Vielen Dank an Johannes für dieses offene, informative und menschlich wirklich schöne Gespräch.

52:36

Und es geht schon bald weiter.

52:39

Teil 2 erscheint bereits am 21. März 2021.

52:43

Bis dahin danken wir euch fürs Zuhören und wünschen euch eine gute Zeit.

52:51

Bis zum nächsten Mal bei SPÄR.